EIN PERSÖNLICHES WORT

Aus dem Buch DAS ERBE DER BEDUINEN

Wir werden dieses Buch beenden, wie wir es begonnen haben, mit einem Text von einem der letzten Augenzeugen des Beduinenlebens, Gertrude Bell:

Gott ist barmherzig, wir haben die Nefud geschafft. Der Tag nach dem Regen - oh der gute Geruch des nassen Sandes und das Zwitschern der kleinen Vögel erfreuten das Herz! Am Nachmittag erreichten wir die Zelte der Shammar und schlugen unser Lager nicht weit entfernt von ihnen auf. Ihr alter Scheich, Mhailam, besuchte uns und brachte eine Ziege und etwas Butter. Wir brachten ihn dazu, mit uns als rafiq zu kommen. Er ist alt und mager, grauhaarig und zahnlos, und zerlumpt jenseits jeder Vorstellungskraft, er hat nicht einmal eine ´agal um sein Kopftuch zu halten. Wir haben ihm ein Stück Schnur gegeben. Aber er ist ein exzellenter rafiq - habe noch keinen besseren gehabt. Er kennt die Gegend, und er ist begierig, uns gut zu dienen. Am nächsten Tag ritten wir über Sand zum nördlichen Punkt des Jebel Mismah´. Dort bestürmte mich Mhailam, das Lager aufzuschlagen, sagte, dass es in der jellad, der flachen Ebene dahinter, keine Weide gäbe; und Muhammad al-Ma´rawi unterstütze ihn darin, da er befürchtete, wir könnten in die Hände von Hetaim Räubern fallen, wenn wir die Nefud verließen. Doch ich blieb fest. Räuber und Hunger waren nichts gegenüber der Aussicht auf einen festen, geraden Weg. Denn du musst verstehen, dass das Reisen in der Nefud wie das Reisen in einem Labyrinth ist. Eine Ewigkeit zieht man entlang einer hufeisenförmigen Sandgrube, die vielleicht eine halbe Meile breit ist, um dann den gegenüberliegenden Abhang zu erklimmen und zum nächsten Hufeisen zu gelangen. Wenn wir in gerader Linie eine Meile die Stunde schafften, dann war es viel. Selbst als ich das Ultimatum gestellt hatte, drifteten meine zwei alten Genossen immer wieder ab in die Nefud hinein und ich musste ein wachsames Auge auf sie haben und sie jede halbe Stunde wieder einsammeln. Es war bitter kalt; die Temperatur fiel auf 27 ° (F, ca. -3 ° C) in der Nacht und es wehte ein stürmischer Nordwind. Und so kamen wir zum letzten Sandhügel und ich blickte hinab zwischen den schwarzen Felsen von Misma´ und sah Nejd. In ihrer Trostlosigkeit erschreckt diese Landschaft. Misma´fällt im Osten in abgrundtiefe Sandsteinformationen ab, verwittert zu einem rostigen Schwarz, zu ihren Füßen sind endlose Kompanien von sich übereinander türmenden Sandsteinspitzen versammelt, ebenfalls schwarz.  Sie sehen aus wie ein Skelett einer riesigen Stadt, die auf einem Boden aus Sandstein und Sand steht. Und dahinter endlose lebensfeindliche Ebenen, aus denen weitere Klippen aus Sandsteinbergen ohne Übergang ragen. Über all dem peitschte der bitterkalte Wind Wolkenschatten hinweg. „Subhan Allah!“ sagte einer der Damaszener, „wir sind nach jehannum gekommen.“ Dort hinunter ging es und wir kampierten am Rand der Nefud bei ausreichender Weide. Und heute schien die Sonne und die Welt lächelte und wir marschierten fröhlich weiter und fanden schliesslich den Boden der Hölle einen angenehmen Ort. Denn der Regen hatte die Sandsteinbecken mit klarem Wasser gefüllt, und Weide gab es in Überfluss, und das Wandern über den ebenen, steinigen Boden war mehr, als das Herz begehrte. Am Nachmittag passierten wir die Felsen von Jebel Habran. Aus dem sandigen Grund ragten zu beiden Seiten schwarze Felsspitzen empor. Wir schlugen unser Lager im Osten auf, in einer Felsbucht mit khabras von Regenwasser und Weide überall um uns herum im Sand. Etwa eine Meile entfernt haben wir als Nachbarn eine kleine ferij von Zelten der Shammar, und falls uns jemand übel gesinnt sein und davon träumen sollte, uns ein Kamel zu stehlen, ist Mhailam eben jetzt in die Nacht hinausgetreten und hat gerufen: „Ho! An alle die zuhören! Kommt herein zum Abendessen! Ich bin Mhailam, Mhailam ibn Hamad! Alle die hungrig sind, kommt und esst!“ Und weil er so das Universum zu unserer Schüssel eingeladen hat, schlafen wir mit Sicherheit in Frieden.“                                                                                  Gertrude Bell 20. Februar 1914

Als ich diese Zeilen das erste Mal las, berührten sie mich sehr und ich wusste, dass sie einen perfekten Abschluss für dieses Buch abgeben. Dieser Text über Getrude Bells letzte Reiseettappen zum Hochland des Nejd erschien mir wie ein Spiegelbild aus biblischen Zeiten, aus einer fernen und vergangenen Welt, in die man sich hineinversetzt fühlt. Es war die Welt der Beduinen Arabiens, die sich vor unseren inneren Augen in diesem Buch entfaltet hat, doch nicht geschrieben mit Buchstaben, sondern mit dem Leben der Nomaden, die sich ganz auf ihre Tiere und auf einander verlassen mussten, um zu überleben. Wir konnten einen faszinierenden Kosmos entdecken, der von der Wüste und von den Tieren bestimmt wurde. Das Pferd war unser rafiq, unser Begleiter, auf der Wüstenreise in die Vergangenheit.

Das Arabische Pferd war aber auch mir ein sehr wichtiger Begleiter durch mehr als 40 Jahre meines Lebens. Beim Zurückblicken kann ich entdecken, dass meine Liebe zu ihm ein Geschenk Gottes gewesen ist. Meine Mutter war an Krebs gestorben, als ich 14 Jahre alt war. Im selben Jahr haben ein Buch von Carl Raswan und ein Besuch im Haupt- und Landgestüt Marbach, in das unser Vater mit uns Kindern gefahren war, mein Herz geöffnet für die wundersamen Geschöpfe des Südwindes. Das Arabische Pferd ist seitdem einer meiner wichtigsten Leitsterne im Leben gewesen. Ich wählte meinen Beruf als Pferdetierarzt und lernte meine spätere Frau Gabriele auf einer Araberschau kennen. Je mehr ich dann im täglichen Umgang die Nachfahren der Beduinenpferde kennen lernen sollte, umso mehr wuchs mein Interesse an der Welt ihrer Züchter. Und was ich über diese in Erfahrung bringen konnte, habe ich in diesem Buch versucht, mit den Lesern zu teilen. Mit dem tieferen Verständnis der Beduinenwelt wurde mir auch die biblische Welt vertrauter. Meine Einsicht in das Leben und Sterben Jesu wuchs. Einige Fragen, die ich zu Details seines Lebens hatte, über die ich schon länger nachgedacht hatte, klärten sich. Und deshalb möchte ich dieses Buch nicht abschließen, ohne ein paar Gedanken zu Jesus Christus, den Messias, mit Ihnen zu teilen, den ich schon im letzten Kapitel als den himmlischen Reiter auf dem weißen Pferd vorgestellt habe. Wenn Sie wollen, werde ich auf Jesus aus dem Blickwinkel eines Beduinen schauen. Ich lade Sie ein, zu einer letzten Etappe aufzubrechen mit meinem besten und liebsten rafiq.

Jesus, wie er uns im Neuen Testament vorgestellt wird, wurde in die Familie eines Zimmermanns hineingeboren. Er gehörte also einer Gesellschaft von hadar (Sesshaften) an. Erst später wurde er zu einem Wanderprediger des Himmelreichs, eine Art von Nomade. Er sagte einem Menschen, der ihm nachfolgen wollte: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Matthäus 8 : 20). In seinen Lehren und Gleichnissen borgte Jesus viele Bilder aus dem Leben der Bauern und Städter. Er sagte außerdem den folgenden geheimnisvollenen Satz: „Seit den Tagen Johannes´ des Täufers bis heute wird dem Himmelreich Gewalt angetan; die Gewalttätigen reißen es an sich“ (Matthäus 11: 12).

Der Wendepunkt sollte kommen. Seine letzte Woche in Jerusalem begann mit dem „Raub“ seines Reittieres. „…Jesus schickte zwei Jünger voraus und sagte zu ihnen: geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir! Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen. Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten (Sacharia) gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig, und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers“ (Matthäus 21: 2 - 6). Auf diese Weise betrat Jesus Jerusalem und wurde von den Massen als „Sohn Davids“, also als Messias, begrüßt. Die „gewalttätige“ Seite von ihm kommt in dem folgenden Vers 12 von Matthäus 21 zum Ausdruck: „Jesus ging in den Tempel und trieb alle Händler und Käufer aus dem Tempel hinaus; er stiess die Tische der Geldwechsler und die Stände er Taubenhändler um.“

Das ist ein anderer Jesus als zuvor. Vorbote einer viel weiter reichenden Veränderung. Nicht nur sein Reittier wird sich ändern, von einem Esel, dem Reittier von Bauern, zu einem weißen Pferd, dem Reittier von Königen. Und von Beduinen und Räubern! Das Kreuz von  Golgatha, Tod und Auferstehung Jesu, trennt Esel und Pferd, die Welt der hadar von der Welt der badu. (Anmerkung: Jesus wurde zwischen zwei Räubern gekreuzigt.) Im vollen Bewusstsein der Unterschiede der christlichen und islamischen Auffassung vom Lebensende Jesu, soll die Übereinstimmung der biblischen Darstellung mit dem Geist der vergangenen Nomadengesellschaft der Beduinen Arabiens aufgezeigt werden. Eine Übereinstimmung mit der am meisten besungenen Beschäftigung eines Beduinen: Beutezug um Raubgutes willen! Jesus von Nazareth, der „heilige Sohn“, wurde von seinem und unserem Vater ausgeschickt, um die kostbarste Beute überhaupt zu machen: uns.

Wie konnte Jesus das bewerkstelligen? Durch hanshal! Ein Beduine verkleidete sich mit einem Schaffell und lief auf allen Vieren unter den Herden des Feindes, um einen Gefangenen zu befreien. Jesus, das Wort Gottes, wurde als Sohn der Maria geboren und lebte das Leben eines Menschen. Doch der hanshal von Jesus war erst vollkommen, als er durch die letzte Tür ging, die jeder Mann und jede Frau passieren muss: der Tod. Das gab ihm Zutritt zum Totenreich, um die, die dort gefangen gehaltenen werden, zu befreien. In diesem Zusammenhang fällt die Übereinstimmung zwischen der orientalischen Gastfreundschaft, insbesondere die der Beduinen, mit der Zeit auf, die Jesus von Freitag Nachmittag bis Sonntag früh tot war. Exakt die Zeit „in der Frieden zwischen den Beiden herrscht (Gast und Gastgeber, selbst wenn es sich um die ärgsten Feinde handelt),  für eine Zeit, die zwei Nächte und den Tag dazwischen zählt, während der das Essen in ihm ist“ (Doughty). Jesus, der von sich sagt: „Ich bin das Brot des Lebens“ (Johannes 6: 35), nahm auf sich die Sünde der Welt, das Brot des Todes. Doch da er als Gottes Sohn nur Gast und gleichzeitig Feind im Totenreich war, erstand er, nach der genauen Zeit der Gastfreundschaft, vom Tode und wurde zum „Erstgeborenen der Toten“ (Offenbarung 1: 5). Und alle, die an ihn glauben, werden „dem großen Hirten seiner Schafe“ folgen (Hebräer 13: 20). Dieser Hirte wird in unsere Welt zurückkommen, doch nicht als Schafhirte: „Und siehe, da war ein weißes Pferd“ und der auf ihm saß,  al-masih, Christus, der Messias.

Sacharia 12 : 10 beschreibt die jüdische Nation: „Und sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben. Sie werden um ihn klagen, wie man um den einzigen Sohn klagt.“  Die Kinder von Ismael werden ihn mit anderen Augen sehen: ein Reiter auf seinem Kriegspferd, einer ihrer Art. Und wie früher der Schlachtruf der Anaza-Beduinen die weite, offene Wüste erfüllte und Bruderschaft mit ihren Herden verkündete, wird der Messias auf seinem weißen Pferd seinen Kriegsruf, nahawa, der Welt erschallen lassen: „Ana… - Ich bin…  Kommt und folgt mir nach!”

 






 

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